1598 – Aus der Geschichte von Schloss Haselstein

“Vom Neuwen Ampthauß in Haselstein

 

Wer sich dem Dorf von Setzelbach kommend nähert, springt es sofort ins Auge. Als Ersatz für die mittelalterliche Burg auf dem Haselstein um 1600 erbaut, ist das Haselsteiner Amtsschloss mit seinen 36 Metern Länge noch heute das größte Gebäude und thront ehrfurchtheischend über dem Dorf.

Für den Baubeginn wird oft das Jahr 1546 angenommen. Ein Sockelstein am Treppenturm trägt diese Jahreszahl.

Aufzeichnungen aus der Fuldaer Kanzlei verweisen jedoch auf das Jahr 1598. Die Rechnungen des Amts Haselstein belegen zudem, dass der Bau erst nach 1600 fertig gestellt wurde. Dacharbeiten wurden 1604, 05 und 06 abgerechnet; vorher kann der Umzug von der Burg ins neue Ampthauß nicht erfolgt sein.

Für den Schlossbau verantwortlich war zunächst Magister Johann Kircher. Er ist seit 1592 als Vogt auf Haselstein nachgewiesen und ging 1599 als Stadtschultheiß nach Geisa. Dort wurde 1602 Sohn Athanasius, der spätere Jesuit und Universalgelehrte, geboren. Ohne den Weggang des Vaters drei Jahre zuvor hätte der große Sohn der Stadt Geisa als Haselsteiner das Licht der Welt erblickt. Kirchers Nachfolger in Haselstein wurde Sebastian Creutzinger. Er sollte die Fertigstellung des Schlosses besorgen und bis 1622 auf diesem Posten bleiben.

Die Bauzeit des Schlosses war überschattet von den Fuldaer Hexenverfolgungen 1603-06. Diesen sind etwa 270 der Zauberei Beschuldigte, überwiegend Frauen, zum Opfer gefallen. Auch drei Haselsteinerinnen, Barbara Hartung, Margreth Petter und die mit Vornamen nicht bekannte Frau des Hans Paul, wurden verbrannt. Der Haselsteiner Vogt Creutzinger war ein Schwager des Hexenrichters Balthasar Nuß.

Vom Schloss aus verwalteten bis 1817 – mit Unterbrechungen zwischen 1695 und 1700 sowie 1703 und 1727 – 20 Amtsvögte die neun Amtsdörfer Haselstein, Setzelbach, Rasdorf, Grüsselbach, Großentaft, Treischfeld, Soisdorf, Stendorf und Kirchhasel mit ihren etwa 3.000 Untertanen :
1. Mag. Johann Kircher: (1592) – 1599
2. Sebastian Creutzinger: 1599 – 1622
3. Johann Glebe: 1622 – 1633
4. Adam von Jossa: 1633 – 1634
5. Lorenz Rübsam: 1635
6. Peter Engels: (1635)
7. Ludwig Maeyniger: (1639) – 1640
8. Bonifacius Heym: 1641 – (1644)
9. Caspar Staubach: (1647) – 1650
10. Joachim Alter: (1655) – 1668
11. Johann Adam Geissler: 1668 – 1695
12. Johann Keller: 1700 – 1703
13. Johann Leonhard Mägerle: 1727 – 1734
14. Johann Gaudenz Krüper: 1734
15. Matthias Nicolaus Grau: 1734 – 1735
16. Georg Joseph Heucken: 1735 – 1741
17. Caspar Swibert Langavel: 1742 – 1752(†)
18. Johann Christoph Langavel: 1750 – 1755(†)
19. Philipp Ignaz Landvogt: 1756 – 1788
20. Anton Landvogt: 1785 – 1817.

Der Vogt wurde von einem Schreiber und dem Amtsdiener – Vollstreckungsbeamter und ‚Mädchen für alles‘ – unterstützt. Auf heutige Verhältnisse übertragen, vereinigte das Amt die Funktionen von Landratsamt, Finanzamt, öffentlichem Notariat und Amtsgericht. Der jährliche Ertrag für die Fürstabtei belief sich auf 2 ½ bis 3 ½ Tausend Gulden (um 1750).

Abgeurteilt wurden auf dem Schloss lediglich kleinere Vergehen, wie ein Blick in das Strafregister von 1733 zeigt: Mit einem halben Gulden (fl.) davongekommen sind zwei Männer, die ihren Frondienst uf den bestimmten Tag beym frucht Einsacken versäumt hatten. Daß Er Barbara NN zu Wiesenfeld geschlagen, hatte ein Setzelbacher mit 1 ½ fl. zu sühnen. Die üble Nachrede, Daß Er Jacob NN auf oeffentlich Jahr=Marckt zu Geyß (Geisa) Einen Schelmen und Dieb gescholten, solches aber nicht Erweisen können, trug einem Rasdorfer die gleiche Strafe ein. Gegen zwei Männer aus Soisdorf, umb willen sie in dasigem Wirths-Hauß schlägerey angefangen, verhängte der Vogt 10 fl.

Bis 1788 befanden sich die Amtsräume hinter den gekuppelten Fenstern im Obergeschoss.

Um den geordneten Dienstbetrieb zu gewährleisten, war eigens eine Geschäftsordnung erlassen worden. Die Drohung war unmissverständlich: Wer ungemeldet in die Amtsstube eintritt, oder vor derselben lermt, zankt oder sonstigen Unfug treibt, wird das erstemal mit 1 fl. oder durch Einsteckung ins Gehorsam gestraft. Die Amtsräume haben sich die längste Zeit im oberen Stockwerk an der Giebelseite zur Kirche hin befunden. Vogt Anton Landvogt hat die Amtsstube 1788 in das Zimmer in die Nordostecke des ersten Stocks verlegt. Im 20. Jh. befand sich hier, bis zu ihrem Weg-
gang Ende der 1980er Jahre, die Hauskapelle der Ordensschwestern.

1788-1817 ‘Amtsstube’. Bis 1986 Hauskapelle

Untrennbar verbunden mit dem Haselsteiner Schloss ist die Sage vom Grünen Zimmer. Bei der Feier einer Ritterhochzeit habe der Bräutigam dem Wein so heftig zugesprochen, dass er unter den Tisch gekollert sei. Maßlos erbost über den Spott der anwesenden Ritterfrauen habe er, vom Schlag getroffen, die eigene Hochzeit nicht überlebt. In seinen Sünden dahingefahren, ginge er als Geist um und schlüge allen „Weibspersonen derb aufs Maul“, die es wagten, zur Nachtzeit am Ort der Hochzeitsfeier zu lachen. Da selbst Schwester Melania Schneider, aus der Zeit des Kinderheims weithin bekanntes Haselsteiner Original und Frohnatur, solches nie widerfahren ist, wird der Ritter seine Ruhe inzwischen gefunden haben.

 

Barocke Sessel um 1730 (Schloss Hof, Engelhartstetten (NÖ))

Zwar konnte, weil mehrere hundert Jahre zu spät erbaut, kein Ritter im Amtsschloss seine Hochzeit gefeiert haben. Gleichwohl ist die Grüne Stube, wie in der Sage überliefert auf der Schlossbergseite im 1. Stock gelegen, amtlich belegt. Unter anderem mit einem Duzend grüne Sessel ausgestattet, diente der Raum seit den 1720er Jahren als Sitzungs- oder Speisezimmer. Eine Hochzeit hätte hier gut gefeiert werden können. Sechzig Jahre später waren die grünen Lehnstühle jedoch ganz von den Maden zerfressen, unbrauchbar und ganz zerbrochen. 1788 wurde das Zimmer neu möbliert. Danach erschien es in den Inventarlisten als sogenannte Grüne Stube.

Der Beginn der Herrschaft Kurhessens über das Hünfelder Land brachte 1817 dem Amt Haselstein das jähe Ende. Mehr als 500 Jahre hatte es bestanden. Im Schloss blieben der mit 58 Jahren zwangspensionierte Amtmann Anton Landvogt und ein Haufen Akten zurück. Vergeblich waren die Bemühungen der kurhessischen Verwaltung seit 1824, für das Schloss mit seinen 4.400 Kubikmetern umbauten Raums einen Käufer zu finden. Der Haselsteiner Wirt Franz Thomas, sein Bruder Anton war von 1805 – 1821 erster Oberbürgermeister von Fulda gewesen, war jedoch am Erwerb des Mägerleinschen Hofes (heutige Gastwirtschaft in der Schlossbergstraße 2) interessiert. Er diente seit ca. 1770 als Dienstgehöft für den Wildmeister bzw. Förster. Der Handel kam 1834 zustande, und die Försterfamilie musste ins Schloss umziehen.

Für die nächsten 110 Jahre diente es als Forsthaus. Zumeist wohnten dort zwei Försterfamilien. Obwohl Platz war, sich aus dem Weg zu gehen, vertrugen sich die Forstleute, wie die älteren Haselsteiner noch zu erzählen wissen, untereinander schlecht. Diese ungute Tradition bestand bereits zu Fuldischer Zeit. Die innerfamiliären Zwistigkeiten des 1788 pensionierten Vogts Philipp Ignaz Landvogt mit seinem Sohn und Nachfolger Anton und dessen Ehefrau Barbara geb. Dotter aus Weyhers waren dramatisch. So wurde in den Abendstunden des 19. Oktober 1789 die schwangere Barbara auf dem nächst dem Schloss gelegenen Friedhof verprügelt: von Schwiegervater Philipp Ignaz und ihrem Schwager Fritz. (Der sechs Jahre jüngere Bruder Antons sollte 1813 nach der Völkerschlacht als Hünfelder Amtmann Napoleon bei dessen letztem Durchmarsch beherbergen.) Anton konnte seine Frau nur durch den Einsatz einer Flinte befreien. In einer Verteidigungsschrift wies Vater Landvogt der ungeliebten Schwiegertochter alle Schuld zu: Von ihrer Herrschsucht spricht das ganze Dorf. Als die Tochter eines Amtmanns, und nunmehr verehelichte Amtmännin bläset sie sich als eine Göttin auf, um von dem Oberamte angebetet zu werden. Egal, wer am Ende eher im Recht gewesen sein sollte: Ihren Untertanen waren die hochgestellten Herrschaften kein Vorbild.

Der Forstverwaltung war das Schloss ein Klotz am Bein: Auch für zwei Dienstwohnungen war es weit überdimensioniert; das Heizen eine praktische und finanzielle Zumutung. Dass ausgerechnet das Kriegsende 1945 den Förstern bequemere Quartiere und dem Schloss eine neue, dauerhafte Perspektive bringen sollte, gehört zu den zahlreichen Ironien der Geschichte. Im März 1945, wenige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner, haben sieben Ordensschwestern, deren Niederlassung in Bonn ausgebombt war, im Haselsteiner Pfarrhaus Unterschlupf gefunden. Die Anwesenheit der Ordensfrauen war der Schlüssel zur Lösung vieler Probleme: Sie richteten im Schloss ein Kinderheim ein. Unter den Abermillionen Kriegsopfern war das Schicksal der Kriegswaisen bzw. von ihren Eltern getrennten Kinder besonders hart. Der Caritasverband übernahm die Trägerschaft und wurde Eigentümer des Schlosses. Kaufpreis waren zwei neue Dienstgehöfte für die Förster an der Großenbacher Straße. Im Schloss lebten, Betreuer und Bedienstete eingeschlossen, über 100 Personen. Die Einwohnerzahl Haselsteins, heute um 350, betrug zeitweilig über 500. Für die Forstleute bisher viel zu groß gewesen, platzte das Schloss jetzt aus allen Nähten. Im Baustil angepasst, wurde in den 1950er Jahren ein Anbau errichtet.

Das Kinderheim existierte bis 1986. Als Einrichtung der Wohlfahrtspflege dient das Schloss jedoch weiterhin. Heute beherbergt es die Werkstätte für Menschen mit Behinderung (WfB). In kleinerem Umfang bereits in den 1970er Jahren gegründet, ist sie gut in die dörfliche Gemeinschaft eingebunden. Die Umfirmierung als ‚Caritas-Werkstatt Schloss Haselstein‘ ist die bisher letzte der zahlreichen Metamorphosen, die das Haselsteiner Schloss in über 400 Jahren mitgemacht hat.

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